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Nachhaltigkeitsmanagement als unpolitisches Instrument

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SALZBURGER NACHRICHTEN

Stadt Nachrichten/Christine Gnahn

Die Spezialistin für graue Zellen

Stadt Nachrichten | 16.04.2014

Lernen. Wie man sich Dinge schneller merkt, erfolgreich kommuniziert und seine Konzentration verbessert: Das will Susanne Seyr mit der Brain Academy ihren Klienten vermitteln.

Das Gehirn merkt sich Dinge am besten über Bilder. Haben wir eine Sprache gelernt, lernt sich die nächste schon leichter. Das sind zwei der Tipps, die Susanne Seyr für ihre Klienten parat hält. Mit der „Brain Academy“, die sie vor vier Jahren gründete, stieg sie ein in eine Branche, die sich einer wachsenden Beliebtheit erfreut – die des Coachings.

Anders als bei herkömmlichen Formen der Beratungsgespräche und Trainings dreht es sich in der Praxis von Seyr vorrangig um eines: Das „Schaltkasterl“, das uns Tag und Nacht steuert. Seyrs Ziel ist es, ihren Kunden, basierend auf neuro- und hirnwissenschaftlichen Erkenntnissen, zu effizienteren Lernmethoden oder erfolgreicheren Führungsstrategien zu verhelfen oder sogar das persönliche Wohlbefinden zu verbessern. „Es gibt viele Strategien, mit denen man negative Emotionen abbauen kann. Oft geht es nur darum zu verstehen, warum man sich sorgt. Das löst schon einen guten Teil des Stresses“. Ursprünglich als Journalistin tätig, hängte die diplomierte Wirtschaftlerin bald den Job bei Radio und Zeitung an den Nagel, um mehr Zeit für ihren damals noch kleinen Sohn zu haben. Durch den anschließenden Berufswechsel zur Lehrerin kam Seyr mit ihrem künftigen Herzensthema in Berührung: dem Gehirn. An der Handelsakademie und der Tourismusschule Kleßheim unterrichtete sie jeden Tag in kaufmännischen Fächern und trainierte ihre Schützlinge in ihren rhetorischen Fähigkeiten. Interessiert beobachtete sie dabei, wie unterschiedlich die Schüler mit dem Wissen umgingen. „Mir ist aufgefallen, wie schwer sich manche damit tun zu lernen. Das hat mich beschäftigt.“ Mit großem Interesse habe sie fortan alles über Hirn- und Neurowissenschaften gelesen, was sie in die Finger bekam.

„Vor zehn Jahren hat die Forschung dazu in Österreich richtig angefangen. Seitdem verfolge ich das.“ Dass man mittlerweile mithilfe von Magnetfeld-Geräten die Hirnströme im Kopf messen kann, finde sie extrem spannend. „Doch ich habe mich gefragt: Wie könnte man das Wissen anwenden?“ Sie begann zu recherchieren, sich mit Forschern und Ärzten zu beraten und Schulungen zu besuchen.

Schließlich eröffnete sie ihr eigenes Institut am Ginzkeyplatz. „Der Mensch hat wahnsinnig viel in seinem Kopf, über das er nicht Bescheid weiß und das er deshalb auch nicht nutzt. Dabei möchte ich helfen“, so Seyr. Das Gedächtnis beschreibt sie wie ein Netz, das man, wenn man es gelernt habe, zu knüpfen, immer weiterspinnen könne. Verantwortlich sind dafür die Synapsen, die beim Kontakt mit Neuem im Gehirn gebildet werden und sich mit bereits vorhandenen verbinden. Entscheidend sei daher auch, ob die Lernerfahrung in einem positiven oder negativen Kontext entstanden sei. Tatsächlich kann die Lerntrainerin anhand eines Plastikgehirns sehr genau zeigen, wo sich Lernprozesse abspielen. Das sogenannte Lustzentrum befindet sich genau in der Mitte des Gehirns, eingebettet im limbischen System. „Dort ist quasi unser Autopilot. Hier entscheidet sich bei allem, was wir tun, wie wir mit etwas Neuem umgehen. Egal, ob man nun eine Sprache lernt, einen Text verinnerlicht oder eine neue Sportart probiert.“ Dieses theoretische Wissen ist der Ansatz für Seyrs Arbeit. Lernen, das Hirn effektiv zu nutzen Gemeinsam mit dem Klienten finde sie zunächst im Gespräch heraus, um welchen Gehirntyp es sich handle. Die unterschiedlichen Typen würden sich darin unterscheiden, wie offen eine Person gegenüber neuen Erlebnissen reagiere, aber auch, in welcher Form Information am besten verarbeitet werde. „Wenn man erst mal verstanden hat, was sich im Kopf abspielt, lernt man, sein Hirn effektiv zu nutzen.“ Seyr empfiehlt: „Je mehr Synapsen sich auch im Alter durch Lernvorgänge bilden, desto vitaler bleiben wir. Es lohnt sich also, die grauen Zellen rechtzeitig zu trainieren.“

Neurowissenschaften und IT

Von der Wissenschaft zur Wirtschaft. Prof. Susanne Seyr von der Brain-Academy erklärt die Grundlagen unseres Denkens und Handelns. Michaela Ortis von Neudenker zieht entsprechende Rückschlüsse für die IT.

© AFNB
Die Gehirnforschung hat in den letzten Jahren enorme Erkenntnisse über das menschliche Handeln und Denken erbracht. Prof. Susanne Seyr ist Wirtschaftspädagogin, Betriebswirtin und Inhaberin der Brain-Academy Salzburg. Bei der Umsetzung der Neurowissenschaften in die Praxis sind ihre Schwerpunkte Nachhaltigkeits- und Innovationsmanagement, Führung und Personalentwicklung sowie Lehr- und Lernstrategien.

Neudenker verbindet Mensch und IT, indem die Erkenntnisse der Neurowissenschaften im IT-Projektmanagement umgesetzt werden. Michaela Ortis kommt aus dem Kompetenzteam des unabhängigen IT-Beratungsunternehmens.

Wir leben im Informationszeitalter, das bedeutet für die meisten ein Zuviel an Informationen. Wie geht unser Gehirn damit um?

Susanne Seyr: Unser Gehirn filtert automatisch und massiv – übrig bleibt, was das Gehirn verbinden kann. Wir haben neuronale Netze mit Wissensgebieten, neue Details werden daran gehängt und durch Wiederholung und/oder Emotionen gespeichert. Man kann es mit dem Schreibtisch vergleichen: Das Ultrakurzzeitgedächtnis ist ein ungeordneter Stapel, das Kurzzeitgedächtnis entspricht den sortierten Stößen, das Langzeitgedächtnis den Aktenordern.

Michaela Ortis: Umgelegt auf die IT geht es hier um die Verwaltungssysteme im Unternehmen, da wollen wir das Filtern und Ablegen aber steuern können. Heute ist die Kunst, die Daten bedarfsgerecht für die Anwender aufzubereiten.

Unternehmen sammeln ja immer mehr Informationen, Stichwort Big Data.

Seyr: Das tut auch das Gehirn. Bis 17 Jahre lernen wir rasend schnell, in der Jugend ist alles auf Wissensaufnahme angelegt. Später lernt man mit Erfahrung, das heißt: Wenn viel im Hirn ist, dann geht auch viel hinein, sonst wird lernen schwieriger.

Ortis: Speicherplatz ist heute kein Thema mehr, aber man muss die Daten pflegen. Die Verantwortung liegt in den Fachbereichen, sie sind die Besitzer der Daten. Die Aufgabe der IT ist, die Anwender anzuleiten, ihre Daten zu klassifizieren, aufzubereiten und einen Teil davon auch wieder zu löschen.

Wie können IT-Systeme das Management in der Entscheidungsfindung unterstützen?

Seyr: Damit ich neue Technologien nutzen kann, muss ich die erwähnten neuronalen Netze gebildet haben und Grundlagen kennen, zum Beispiel die Prozentrechnung. Die Fülle der Informationen im Internet kann ich nur nutzen, wenn ich diese zuordnen kann. Und ich muss auch ein Gefühl entwickelt haben: Kann das Ergebnis stimmen? Eine Interpretation einer Datensammlung  wird immer auch mit Erfahrungen verknüpft. Wenn ich mit einem System gute Erfahrungen gemacht habe, dann
werden Auswertungen als glaubhaft angesehen.

Ortis: Die Systeme sind so gut wie die Menschen, die sie programmiert haben. Es wird immer eine Kombination aus Mensch und Maschine sein. Der gesunde Hausverstand ist wichtig, um Entscheidungen auf Plausibilität zu prüfen.

Neue Anwendungen oder Prozesse werden laufend implementiert. Wie kann man mit Hilfe der Gehirnforschung Veränderungen für Mitarbeiter besser gestalten?

Seyr: Veränderungsprozesse bedeuten neue neuronale Bahnen, Synapsen müssen sich bilden. Dazu braucht man Energie, aber unser Urprogramm lautet: Wenig Energie verbrauchen, sonst brauchen wir mehr Nahrung. Etwas nur anschaffen geht nicht, der Satz „Ab morgen ist das anders“ löst Entrüstung aus. Wir müssen Veränderung daher emotional ins Positive bringen, indem wir gute Gefühle schaffen, Vorteile darstellen, belohnen. Unerwartetes Lob löst besonders positive Emotionen hervor, die lange im Hirn gespeichert bleiben.

Ortis: Organisationsanweisungen interessieren keinen, sondern es ist wichtig, Bewusstsein zu schaffen. Warum läuft ein Prozess jetzt anders, welche Vorteile bringt das dem Mitarbeiter und dem Unternehmen? Interaktive Lernszenarien sind hilfreich, durch eigenes Tun und Erfahren nehmen wir etwas leichter an.

Lebenslanges Lernen ist in der IT ein wichtiger Faktor. Ihr Tipp dazu?

Seyr: Lernen ist bis ins hohe Alter möglich, je mehr ich lerne, desto mehr Synapsen entstehen. Informationen soll man mit Farben sortieren und mit Mindmaps vernetzen. Komplexe Themen brauchen eine Mindmap: Das Gehirn geht vom Groben ins Feine, so kann man Wissen am besten aufbereiten. Nach zwei bis drei Tagen wiederholen, das ist so ähnlich, wie wenn man den gleichen Weg öfter im Schnee geht: Breite Pfade oder eben breite neuronale Bahnen enden im Langzeitgedächtnis. Das Gehirn lernt schneller, wenn Inhalte mit Bildern  und positiven Emotionen, dazu gehört auch Neugierde, verknüpft werden. (aw)

Chronik

Titelstory Juni 2010: Burnout: Die gewaltsame Leere

Werden wir durch unseren Arbeitsdruck krank?

Stress, falsche Selbsteinschätzung und emotionale Verkrüppelung führen immer mehr Menschen ins berufliche und private Abseits. Burnout gilt schon jetzt als die Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts. Und dieses Phänomen nimmt zu. 2016 sollen bereits mehr als die Hälfte der betrieblichen Fehlzeiten durch Burnout verursacht sein.

In den letzten Jahren hat sich das Krankheitsbild „Burnout“ exponentiell ansteigend verbreitet. Während früher nur Berufe mit einem hektischen Alltag betroffen waren, werden heute immer mehr Berufsfelder von Burnout heimgesucht. Privat- und Berufsleben verschmelzen, die beruflichen Herausforderungen nehmen, ungeachtet des persönlichen Leistungsvermögens, stetig zu. Betroffen sind häufig leistungsorientierte Menschen, die ihre Überforderung zu spät bemerken oder sie ungern zugeben wollen. Auch Leute in so genannten „Sandwichpositionen”, die von oben und unten Druck spüren, gehören dazu. Zudem kann auch über eine extreme Familienbelastung (Scheidung) eine Burnout-Situation eintreten. Burnout-Experten wie der Psychotherapeut Hermann Widauer, Vorstand der Koordinationsstelle für Psychotherapie an der Christian Doppler Klinik, erklären Burnout als körperlichen, geistigen und seelischen Zustand des „Ausgebrannt-Seins“. „Länger anhaltende berufliche, familiäre oder persönliche Belastungen, die als nicht vermeidbar erlebt werden, können zu einem Zustand körperlicher, geistiger und seelischer Erschöpfung, eben einem Burnout führen“, so Widauer.

Unter anderem in therapeutischen und erzieherischen Berufen wie beispielsweise bei Lehrern und Pflegekräften, aber auch im Bereich der Kundenbetreuung wie  bei Außendienstmitarbeitern oder  Mitarbeitern in Call-Centern werden Burnout-Erkrankungen registiert. Untersuchungen zeigen, dass auch 15 bis 30 Prozent der Ärzte an Burnout-Symptomen leiden. Bei den Lehrern sind nach einer neueren Studie in Deutschland etwa 30 Prozent betroffen. Als gefährdet gelten auch Politiker, Manager, Journalisten sowie Polizisten, Leistungssportler, Selbständige oder Personen in kreativen Berufe, um nur einige zu nennen.

Die Ursachen liegen auf der Hand.  „Stellen sie sich einen Handy-Akku vor, der muss auch von Zeit zu Zeit einmal aufgeladen werden. So ist das auch beim Menschen. Dauerstress kostet Energie und wenn Menschen ihren persönlichen Akku nicht mehr aufladen (z.B. durch Erholung), können sie auch nicht mehr arbeiten und leben“, sagt Thomas Schaller, Klinischer Psychologe in Salzburg. „Ist der Akku einmal leer piepst das Telefon, beim Mensch stellen sich Warnsignale wie Kopfschmerzen, Herzrasen oder chronische Müdigkeit ein“, erklärt Schaller. Burnout ist anfangs unscheinbar und ein schleichender Prozess. Plakativ ausgedrückt bewegt man sich auf dünnem Eis, das durch den steigenden Druck plötzlich einbricht. Fehlender Rückhalt oder Streit in der Familie sowie unsichere Arbeitssituationen sind die beiden gängigsten Beispiele aus der Praxis, die häufig für erhöhten Stress sorgen. Für den Zusammenbruch braucht es dann oft nur noch wenig.

Susanne Seyr, Wirtschafstrainerin und Wirtschaftspädagogin im Anti-Stress-Center zu den Ursachen: „Die eigenen Ansprüche und die der Gesellschaft sind gestiegen. Die Frage lautet oft: Wie kann ich das alles finanzieren, wie kann ich gesellschaftlich mithalten? Dadurch entstehen Ängste und Stress. Wenn ich die Arbeit verliere, was mach ich dann? Angst und Stress sind die stärksten Triebfedern, um in ein Burnout zu geraten“. Burnout ist ein falscher Umgang mit Stress. Man nimmt sich immer mehr persönliche Zeit weg um funktional zu sein, anstatt sich zum Beispiel einen Freundeskreis zu schaffen. Wenn man lange Zeit diesem Dauerstress ausgesetzt ist, kann Burnout entstehen. Statt einen Gang zurückzuschalten, arbeiten  die Leute noch mehr, weil sie die Ursache des Stresses in ihrer eigenen Arbeitsweise sehen, sich also selbst die Schuld geben. „Ich muss funktionieren lautet die Parole, Existenzängste treten auf“, schildert Seyr ihre Erfahrungen mit Klienten.

Führungskräfte beispielsweise werden oft für intelektuelle Arbeiten bezahlt, dabei wird aber nicht erkannt, dass auch das Gehirn eine Auszeit braucht. Betroffene klagen, ihre Leistung werde nicht anerkannt, weil man die Leistung ja nicht sehe, mit zusätzlichem Einsatz will man fehlendes Feedback ausgleichen – man brennt aus. „Je länger die Phasen der Verdrängung dauern, desto schwieriger wird die Therapie“, warnt Seyr.

Kampf um Anerkennung. Grundsätzlich muss Burnout ganzheitlich betrachtet werden, sind sich alle Experten einig. Physische Symptome wie Herzrasen oder Kopfschmerzen können natürlich medikamentös behandelt werden, das ändere aber vorerst nichts am Gesamtzustand. Denn solange das Grundproblem besteht, kommen die Symptome immer wieder, heißt es. Männer verdrängen das Problem, Frauen sind noch etwas gesundheitsbewusster und nehmen Hilfe leichter an, so die Erfahrungen.

Was passiert nun eigentlich, wenn man an Burnout leidet? Ein zentrales Problem ist dabei zu wenig Feedback von Vorgesetzten am Arbeitsplatz, wenig Lob oder gar Mobbing von Kollegen. Die Folge ist eine innerliche Kündigung. „Die Firmen erkennen den Verlust dabei viel zu spät oder gar nicht“, sagt Wirtschaftstrainerin Seyr. Man hängt in der Luft und ist auf verlorenem Posten. Burnout ist Kampf um die Existenz, ums Überleben. Die Krankheit hat auch etwas mit unrealistischen Einschätzungen in einer individualistisch ausgeprägten Gesellschaft zu tun, bei der die eigenen Maßstäbe ans Leben steigen, nicht nur materiell. Seyr: „Dass Frauen, durch die oft Dreifachlastung von Haushaltsführung, Kinderbetreuung und Berufstätigkeit besonders leicht in die Burn-Out Spirale geraten, ist darauf zurückzuführen, dass kein Bereich zurückfahren wird. Oft hilft hier eine Organisations- und Zeitmanagementberatung besonders gut. Auch außerberufliche Engagements bedeuten Stress, aber man verschafft sich wiederum Geltung und Anerkennung. Ein weiteres Problem in der Burnout-Spirale ist die Meinung, mit verstärktem Arbeitseinsatz Probleme zu lösen. Dadurch vernachlässigt man seine Umwelt. Die Realität wird uminterpretiert, der Freundeskreis wird kleiner. Beziehungen bestehen nur mehr aus Kontakten, die einen weiterbringen können. Viele Burnout-Betroffene neigen auch zum Fremdgehen und wollen dem quasi Nebenpartner helfen oder beim Lebensaufbau helfen. Dabei wird wieder nach Selbstbestätigung und Anerkennung gebuhlt. „Auf der einen Seite geht es mir schlecht, auf der anderen Seite will ich erfolgreich sein – daraus ergibt sich ein Realitätsverlust“, gibt Seyr zu bedenken.

Burnout steht auch in Zusammenhang mit der Versingelung der Gesellschaft sowie der Flexibilisierung der Arbeitswelt und deren prekären Arbeitsverhältnissen. „Die Leute haben kein Auffangnetz mehr. Finanzielle Gruppenzwänge tauchen auf. Es traut sich ja keiner mehr zu sagen, ich fahre nicht auf die Malediven, ich kann mir keinen so großen Wagen leisten”, erzählt  Coachingexpertin Seyr. Weitere Symptome kennt auch Psychologe Schaller. „Man nimmt sich und die Umwelt verzerrt wahr. Hoher Blutdruck wird nicht ernst genommen. Weiter geht es zur innerlichen Leere. Dann können Panikattacken entstehen“, fasst Thomas Schaller einige Stadien der Krankheit zusammen. Burnout ist eine eigenständige Krankheit obwohl viele Symptome von Ängsten und Depressionen dazukommen. Depersonalisierung ist ein weiteres Stadium von Burnout, die zynische Abgrenzung zur Umwelt. Ein typisches Verhalten bei Führungskräften lautet: Schwächen zugeben ist nicht erlaubt. Durchhalten ist die Parole. Burnout ist eigentlich ein Dauerstress. Wer Burnout hat, braucht fachliche Hilfe – umso später das Stadium, desto mehr Hilfe ist meist notwendig, sagen Fachleute. Nicht nur durch den Beruf kann es zur völligen Erschöpfung kommen. Private Beziehungen gelten auch als Auslöser. Hier werde oft viel Energie investiert, wo gar keine Gefühle, keine Liebe mehr da ist. Instabile Beziehungen kosten dabei genauso viel Energie wie die Arbeit. Das Burnout-Risiko steigt.

Prävention. Grundsätzlich sei wichtig, dass man seinen Körper und dessen Signale sehr ernst nimmt. Jeder Mensch hat ein ganz bestimmtes Leistungsvermögen, das je nach persönlicher Situation und Gesundheitszustand mal stärker und mal schwächer ist. Die Grenzen variieren je nach Situation. Hier gilt es, eine gute Selbstreflexion zu üben. Realistische Zielsetzungen im Beruf und auch privat sind wichtig. Leute sollten so bald wie möglich über Konflikte oder Probleme mit Freunden oder der Familie sprechen. Aber nicht jeder ist begabt zu helfen, heißt es. Um nicht ins Burnout zu fallen, braucht es auch Ruhestadien. Viele Leute schlafen viel zu wenig, das Resultat sind Schlafstörungen. Und man sollte konstant gefordert werden. Viele Menschen nehmen die Arbeit mit nach Hause und wollen diese noch am Wochenende erledigen. Dann leidet das Privatleben. Beziehungsprobleme entstehen, Freundschaften werden nicht gepflegt. Man sollte sich nicht nur über die Arbeit definieren, so die Ratschläge der Experten.

Kinder im Burnout. Auch Kinder spüren schon den Leistungsdruck der Gesellschaft und richten sich nach gewissen Idealen der Erwachsenenwelt. So stoßen Jugendliche leicht an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Alkohol und Drogen sind dann eine Nebenerscheinung von Burnout. Auch Spielsucht und die Flucht in virtuelle Welten, wenn man mit der eigenen Welt nicht mehr fertig wird, können ein Burnout-Signal bei Kindern und Jugendlichen sein. Psychologe Schaller: „Durch den permanenten Leistungsdruck entwickeln sich Schulängste. Fehlzeiten, ausgelöst durch Stress in der Schule, sind die Folge“. Ein typisches Burnout-Muster: Bereits nach dem Aufstehen ist man müde. Dann kommt man übermüdet in die Schule. Noch mehr Einsatz wird notwendig, obwohl man schon wenig Energie hat. Das Aufholen des Lernstoffes wird immer schwieriger. „Auch eine falsche Schulwahl führt zur Überforderung“, sagt Hermann Widauer. Für manche Schulaufnahmsprüfungen werden Kinder heutzutage schon zu Coachings geschickt, kritisiert der Psychotherapeut. Und Wirtschaftstrainerin Seyr stößt ins gleiche Horn: Es sind zu viele Kinder in falschen Schulen. Die Kinder werden oft aus Imagegründen in eine bestimmte Schule geschickt. Es werden nicht die Begabungen der Kinder gefördert, sondern das Image der Eltern. So schürt man Frust, Gewaltbereitschaft und Depressionen enstehen. Das hochaktuelle Thema Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen resultiert aus innerer Gefühlsarmut. Besonders bei jungen Menschen, die sich nicht geliebt fühlen, wo nicht mehr gemeinsam gegessen wird, revoltiere das Gefühlsleben. Der Fernseher schaffe zudem Vorbilder wie man Leute quälen könne. Kinder werden mit den eigenen Gefühlen nicht mehr fertig. Der Mensch sei aber auf Liebe und Anerkennung angewiesen. Kindergärtnerinnen werden in diesem Zusammenhang extrem belastet, wie auch Lehrer in der Pflichtschule, heißt es.

Behandlung und Therapie. Jeder Mensch ist individuell und auch jede Situation, in der er oder sie steht. Eine Therapie muss daher individuell definiert werden. Verschiedene Faktoren müssen berücksichtigt werden. Zum einen spielt der Schweregrad des Burnouts eine wichtige Rolle. Manchmal ist es erforderlich, Betroffene aus dem Arbeitsprozess herauszunehmen, um damit eine Entlastung und Distanzierung zur Ursache zu ermöglichen. Je nach Stärke des Burnouts ist viel Erholung oder sind antidepressive Medikamente notwendig, sagen Ärzte. Im Heilungsprozess sei es deshalb ganz wichtig, zu erkennen wie es zum Burnout gekommen ist. Am besten nimmt man ärztlichen Rat in Anspruch, wenn die Unruhezustände häufiger werden. Eine Hilfe ist es auch, das eigene Tun aus der Vogelperspektive zu beobachten. Das ist natürlich sehr mühsam, weil das etwas mit Verhaltensänderung zu tun hat. Das wiederum erfordert Mut und Selbstkritik. „Wenn man sich der Probleme einmal bewusst wird, gibt es auch Lösungen”, sagen alle Burnoutspezialisten. „Wir setzen auf neuromentales Stressmanagement. Wenn ich ein Problem anerkenne, entlastet mich das”, sagt Susanne Seyr. Auch mit Biografiearbeit könne geholfen werden. Fragen müssen gestellt werden: Wie ist mein Leben privat, persönlich, familiär oder bildungsmäßig verlaufen – was war da los? Wo hat es gehakt, wo war ich erfolgreich? Das alles sind Themen, die einen weiterbringen. Es habe keinen Sinn, die Leute immer nur zu kritisieren, sondern man muss auch sagen: Hier sind Ihre Stärken, benützen Sie diese, so Seyr weiter. Von der Beziehungs- auf die Sachebene kommen, wird gefordert. Ein Gespräch in einer anderen Rolle auszuprobieren, gibt neue Sichtweisen. Hier lerne man in der Situation zu reagieren, zum Beispiel gegenüber einem Vorgesetzten. Klar ist, es gibt Situationen, aus denen der Mensch nicht sofort ausbrechen kann. Stichwort: Arbeitsplatzwechsel. Um Burnout zu vermeiden oder entgegenzusteuern, sind Abgrenzungsstrategien notwendig; sich selber steuern können und zu lernen, wie man eine Strategie entwickelt um mit der Situation zu leben. Risikogruppen wie Menschen in sozialen Berufen, die ständigen Kontakt zu Dauerstress haben, wird auch eine Supervision empfohlen. „Ich gebe Hilfe zur Selbsthilfe, auch durch die Technik des Sprechens“, sagt der Klinische Psychologe Thomas Schaller. „Klienten lernen z.B. wie sie sich wieder entspannen können. Die Anforderungen in der Berufswelt steigen immer mehr. Das geht schon bei der Küchenhilfe los. Mit wenig Energie kann man aber keine Höchstleistungen erbringen.” Wenn sich die eigenen Überzeugungen dann auch nicht mehr mit jenen des Unternehmens decken, sollte man über kurz oder lang die Firma verlassen. Deshalb sei von Unternehmerseite eine klare Firmenphilosophie wichtig. Die Leute müssten wissen, was verlangt wird, umso weniger orientierungslos werde man. Burnout wird immer mehr zum Massenphänomen. Jeder kann betroffen sein. Aber weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber profitieren von Mitarbeitern, die sich verausgaben. Diese Rechnung mag zwar kurzfristig aufgehen, im Falle eines Burnouts aber nicht. Die Folgen: Mitarbeiter fallen längere Zeit aus, die Arbeit muss durch andere getragen werden, die ebenfalls überlastet werden. Es gilt also realistische Ziele zu setzen – Ziele, die individuell auf das Leistungsvermögen des Menschen ausgerichtet sind. Diese Methode steigert letztendlich die Motivation und damit auch das Leistungsvermögen – ohne Gefahr auf ein Burnout. Betroffene trauen sich viel zu schnell wieder alles zu. So brennt man wieder, wenn die Energie noch nicht da ist.

Christoph Archet

Boreout – wenn Unterforderung krank macht

Die Unterforderung stellt genau wie die Überbelastung ein Extrem der Arbeitswelt dar und sollte ernst genommen werden. Menschen, die das Boreout-Syndrom gepackt hat, sind nicht faul. Sie wollen arbeiten, doch die Arbeit oder das Unternehmen gibt dem Mitarbeiter nicht die nötige Auslastung. Dieser Effekt kann vor oder während der Arbeit entstehen. Und im Grunde ist niemand vor ihm sicher. Vor allem Arbeitnehmer, die ihre Aufgaben und deren Pensum nach einem festen Plan erledigen müssen, sind beliebte Opfer. Ebenso betroffen sind Personen, die einer Arbeit nachgehen, die deren Leidenschaft und Tatendrang nicht weckt. Der Wunsch, im Beruf weniger arbeiten zu müssen, ist zwar bei vielen vorhanden, doch ist dieser nicht mit einem Boreout gleichzusetzen. Denn eine dauerhafte Unterforderung führt eher zu mehr, anstatt zu weniger Stress.

Symptome des Boreout-Syndroms sind:

• Müdigkeit
• Desinteresse
• Schlechte Laune
• Leidenschaftslosigkeit
• Langeweile durch Unterforderung
• Identifikationsprobleme mit der eigenen Arbeit

Literaturtipp: Philippe Rothlin & Peter R. Werder: Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht. Heidelberg, 2007.

„Ich halte es für besser, die Leute in der Arbeitswelt zu halten“

„Im Krankenstand wird Burnout nicht geheilt oder verhindert“, sagt Hermann Widauer, Vorstand des Universitätsinstitutes für Psycholoanalyse an den SALK im ECHO-Gespräch.

ECHO: Wer bekommt eigentlich Burnout, kann jeder betroffen sein?

Hermann Widauer: Schauen Sie, im Krankenhaus wirken sich zum Beispiel Nachtdienste katastrophal auf die Menschen aus. Der eine verträgt die Belastung, den Stress und lebt gut in dieser Situation, ein anderer wird krank. Generell steigen die Burnoutfälle an.

ECHO: Was ist zu tun, wenn erste Anzeichen von Burnout auftreten?

Widauer: Burnout muss unbedingt fachärztlich abgeklärt werden. Dabei muss untersucht werden, ob eine Depression die Ursache von Burnout ist oder das Arbeitsumfeld beziehungsweise die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz nicht stimmen. Meine Erfahrung zeigt, dass Betroffene in 70 bis 80 Prozent der Fälle durch Probleme am Arbeitsplatz erkranken. Bei 20 Prozent sind Depressionen der Auslöser.

ECHO: Warum entstehen gerade am Arbeitsplatz so viele Burnout-Erkrankungen?

Widauer: Wir haben die Tendenz, positive familiäre Erfahrungen wie Wertschätzung, Anerkennung oder Lob  in die Arbeitswelt zu übertragen. Die Leute erwarten dann auch Wertschätzung und Anerkennung im Beruf. Sie erwarten vom Chef, dass er seine Mitarbeiter mehr oder weniger wie Familienmitglieder behandelt. In der Praxis ist das anders. In einer Organisation können Mitarbeiter ausgetauscht werden. Es gibt nicht dieses Maß der Wertschätzung. Burnout-Bedrohte projizieren ihre familiären Erfahrungen auf den Arbeitsplatz und können sich nicht abgrenzen.

ECHO: Lob und Anerkennung sind ja eine gute Sache. Warum haben Führungspersönlichkeiten damit solche Schwierigkeiten?

Widauer: Ich möchte betonen, dass Burnout-Betroffene schon eine Eigenverantwortung haben, aber der Chef hat oder sollte generelle Verantwortung übernehmen. Leitungsaufgaben werden nicht immer richtig wahrgenommen. Oft herrschen in Firmen noch streng hierarchisch-autoritäre Strukturen vor. Viele Führungskräfte sind zu wenig auf Leitungsaufgaben vorbereitet. Oft wird nur der beste Spezialist zum Chef. Eine Führungspersönlichkeit müsste im Idealfall drei bis vier Tage Zeit im Jahr pro Mitarbeiter aufbringen. Alle ein bis zwei Jahre sollte ein strukturiertes, eineinhalb bis zweistündiges Mitarbeitergespräch angeboten werden um Burnout-Fälle zu vermeiden. Vor allem bei hoher Personalfluktation sollte man in diese Richtung denken. So bekommt der Vorgesetzte auch enorm viel Information und der Mitarbeiter fühlt sich wertgeschätzt. Das geschieht in der Regel nicht, das ist das Bedauerliche. Denn wo Ansätze für Mitarbeitergespräche sind und durchgeführt werden, gibt es kaum Burnout-Fälle.

ECHO: Wie kann Burnout-Erkrankten geholfen werden? Viele haben ja auch Angst um ihren Arbeitsplatz.

Widauer: Oft kommt es vor, dass bei Burnout lange Krankenstände verordnet und zusätzlich Medikamente verschrieben werden. Das halte ich nicht immer für angebracht. Denn das hat zur Folge, dass man aus der Arbeitswelt herausgerissen wird. Dabei wird keine Lösung gefunden. Diese Meinung hat auch schon viel Groll bei Kollegen ausgelöst. Im Krankenstand wird Burnout nicht verhindert. Der Patient ist alleingelassen und hat keine Möglichkeit sein Verhalten umzulernen. Der Platz im Team und die Unterstützung der Kollegen gehen verloren.

ECHO: Wie sieht die Zukunft in Sachen Beruf aus und welche Maßnahmen sind zu treffen?

Widauer: Wenn man an einen Berufswechsel denkt – nicht alleine entscheiden. Man soll sich einmal die Frage stellen: Welche Möglichkeiten habe ich im Leben, sodass sich die Lebensgrundlage nicht verschlechtert? Hilfreich ist es eine selbstkritische Bilanz zu ziehen. Dazu eine begleitende Therapie. Teure Wellnessurlaube sind nicht die geeignete Form Burnout zu kurieren. Es heißt das Leben umstellen. Das beginnt nicht am Arbeitsplatz, sondern am besten bei kleinen Dingen zu Hause. Früher zu Bett gehen, weniger Alkohol, mehr Bewegung. Mitarbeit ist auf jeden Fall notwendig, Eigenverantwortung ist immer gegeben.

Burnout

Burnout ist ein physischer, emotionaler und geistiger Erschöpfungszustand über mindestens sechs Monate.

Die Burnout-Warnsignale:
• Erhöhtes Engagement und Abhängigkeit von Lob und Anerkennung
• Vernachlässigung eigener Bedürfnisse und Wünsche
• Gefühle der Erschöpfung, Müdigkeit, Schlaflosigkeit und Grübeln
• Fortgesetztes Klagen wegen Arbeitsunlust oder Überforderung sowie Kündigungs- und Pensionsfantasien
• Abnahme der Arbeitsqualität, Zunahme von Fehlentscheidungen
• Das Leben schwer, dumpf und als Last empfinden
• Vereinsamung und Gefühl der Isolation
• Ungeduld und Gereiztheit im Privatbereich
• Flucht- und Selbstmordgedanken